Von Liebe und Hass zu Klavier und Kontrabass

Prima Volta: Lieber Herr Fueter, im Schulorchester haben Sie Kontrabass gespielt. Spielen Sie heute noch Kontrabass? Falls nein, warum nicht mehr?

Daniel Fueter: Mein Interesse am Kontrabass hing mit meinem Wunsch zusammen, im Schülerorchester spielen zu können, um später dort auch Gelegenheit zu bekommen zu dirigieren. Mein Kontrabasslehrer durchschaute zwar meine Strategie, gab mir aber trotzdem wunderbaren Unterricht. Ich lernte viel über Streichinstrumente, Musik, Orchesterspiel – blieb aber (aus Bequemlichkeit und mangels Begabung) ein miserabler Kontrabassist. Deshalb ist es besser, dass ich seit Jahrzehnten nicht mehr spiele. Wie sich meine erste Stunde abspielte und wie der Schweizer Zoll meinen Kontrabass stahl, sind Geschichten, die ich gern beim Bier preisgebe.

PV: Das dritte Programm, das Sie für Prima Volta zusammengestellt haben, ist ganz dem Klavier gewidmet. Haben Sie eine spezielle Beziehung zum Klavier – ist es gar Ihr Lieblingsinstrument?

Daniel Fueter: Meine Beziehung zum Klavier ist die, dass es das einzige Instrument ist, das ich spielen kann. Es war mein Weg zum Dirigieren und nach Abbruch dieses Versuchs ein Notbehelf, in der Musik weiter zu kommen. Dank meinem Klavierlehrer und später wunderbaren Sängerinnen und Sängern, die ich begleiten durfte, wurde aus Gleichgültigkeit Hassliebe und endlich Liebe. Meine Lieblingsinstrumente sind die menschliche Stimme, das Violoncello, die Bratsche, die Klarinette, ….

PV: Der Titel verrät es: mit den schwarz/weissen Tasten können Sie ganz viel Buntes komponieren. Gibt es beim Komponieren für Klavier Grenzen, die Sie einhalten müssen oder – was vielleicht auch reizvoll ist – durchbrechen können?

Daniel Fueter: Die Grenzen des Klaviers kenne ich vom Spielen her. Singen auf dem Klavier ist schwer, der Ton, einmal gespielt, lässt sich nicht modulieren, die grosse Chance, Vielstimmigkeit zu verwirklichen, ist anspruchsvoll. Clichés liegen nahe, die Literatur ist gross und grossartig. Das alles und noch viel mehr beschäftigt einen beim Musikschreiben. Etwas schreiben ist immer mit dem Versuch verbunden, Grenzen zu überschreiten. Zuerst einmal die eigenen. Da ich meist für Interpretinnen und Interpreten oder für Anlässe geschrieben habe, sind die Lösungsversuche im Umgang mit dem Klavier immer wieder andersartig und dadurch notgedrungen bunt. Ich hoffe, dass diese Buntheit auch reizvoll ist für die Hörerinnen und Hörer.

PV: Sie haben (das sei hier schon verraten) für die Aufführungen vom 23./24. März ein neues Stück komponiert und dieses Prima Volta gewidmet. Das ist eine grosse Ehre für uns – vielen herzlichen Dank. Verzeihen Sie den „Gwunder“, woran haben Sie gedacht, als Sie es schrieben?

Daniel Fueter: Ich habe an die Offenheit des Prima Volta-Konzeptes gedacht, an den Raum des LOKALs, an die Tatsache, dass der Terminplan der drei Pianistinnen und des Pianisten keine Proben zu liessen. Ich habe seit meiner Kindheit die Glocken der Flunterner Kirchen und der Kirche Oberstrass im Ohr. Ich liebe Glockengeläute auf meine weltliche Weise. Die Form des Zusammenklingens, das die gegebenen Klänge und der Zufall des Aufeinandertreffens erzeugen, fasziniert mich. Ich habe vier Tasteninstrumente aufeinander losgelassen, wie vier Glockenstühle.

PV: Sie haben Prima Volta diese Saison von ganz Nahe kennengelernt. Was hat Ihnen bei uns gefallen?

Daniel Fueter: Alles! Das Konzept, die Grosszügigkeit, die Sorgfalt, die Moderation, die administrative Betreuung, die Atmosphäre – nicht zuletzt an der Bar, die Offenheit und Vielfarbigkeit des Publikums, der menschenfreundliche Umgang untereinander – und natürlich: alle Musikerinnen und Musiker, die sich um meine Stückchen bemüht haben. Ich habe ihnen allen zu danken. Ich bin in meinem siebzigsten Altersjahr sehr verwöhnt worden. Und – obwohl ich da oft heikel bin – die Interviewfragen haben mir auch gut gefallen. Auch da: Danke!